Symbolbild für innere Anteile

Arbeit mit inneren Anteilen – innere Konflikte verstehen und einordnen

January 18, 20266 min read

Innere Anteile verstehen

Warum innere Stimmen Schutz sein können

Vielleicht kennst du das: Ein Teil in dir will endlich Ruhe und ein anderer Teil treibt dich weiter. Eine Stimme meldet sich mit „Stell dich nicht so an“, während gleichzeitig Erschöpfung spürbar ist oder der Wunsch nach Halt. Viele Menschen nennen das „Selbstsabotage“. Ich nenne es oft etwas anderes: ein System von Anteilen, das versucht, dich zu schützen.

Die Arbeit mit inneren Anteilen ist für mich kein Trend und keine Technik-Schublade. Sie ist eine sehr menschliche Art, innere Widersprüche einzuordnen. Nicht, um dich zu optimieren, sondern um Anteile zu verstehen, die einmal wichtig waren und heute manchmal aus dem Gleichgewicht geraten sind.

Was sind „innere Anteile“ überhaupt?

Innere Anteile sind Teile unserer Persönlichkeit. Unterschiedliche Anteile, die wir alle in uns tragen. Manche sind laut, manche leise. Manche wirken wie ein Kindanteil, andere wie eine mütterliche Instanz. Manche zeigen sich als innerer Kritiker, Perfektionist oder Beschützer.

Wichtig ist: Ein Anteil ist nicht „du“. Ein Anteil ist ein Teil in dir, der eine bestimmte Aufgabe hat. Oft eine Schutzaufgabe. Und jeder Anteil hat seine eigene Sicht, seine eigene Geschichte und meist auch eigene Bedürfnisse.

Wenn wir das begreifen, ändert sich der Blick auf unsere Innenwelt. Dann geht es nicht mehr darum, „gegen dich selbst“ zu kämpfen. Es geht darum, verschiedene innere Anteile miteinander in Kontakt zu bringen.

Das innere Team: Wenn mehrere Stimmen gleichzeitig sprechen

Friedemann Schulz von Thun hat mit dem Modell des inneren Teams ein sehr zugängliches Konzept geschaffen: In uns gibt es ein inneres Team, also verschiedene Teammitglieder, die in bestimmten Situationen das Wort ergreifen. Manchmal harmoniert dieses innere Team. Manchmal gibt es Reibung und Konflikte.

Zum Beispiel:

  • Ein Anteil will Nähe und Verbindung.

  • Ein anderer Anteil wird unsicher und will Abstand.

  • Ein dritter Anteil sagt „Reiß dich zusammen“.

  • Und irgendwo im Hintergrund meldet sich ein verletztes inneres Kind, das Angst hat, verlassen zu werden.

Wenn wir nicht merken, dass hier mehrere Anteile zueinander sprechen, fühlt sich das schnell chaotisch an. Wenn wir es bemerken, entsteht Orientierung.

Warum innere Stimmen oft Schutz sind

Viele Stimmen in deinem Innenleben sind nicht „gegen dich“. Sie sind für dich. Auch wenn sie sich manchmal hart oder übergriffig anfühlen.

Der innere Kritiker zum Beispiel ist selten einfach nur gemein. Oft versucht er, dich vor Fehlern, Ablehnung oder Beschämung zu bewahren. Der Perfektionist will nicht, dass du angreifbar wirst. Ein Beschützer-Anteil sorgt dafür, dass du nicht zu viel fühlst. Und ein Anteil, der dich antreibt, verhindert vielleicht, dass du in etwas hineinrutschst, das sich traumatisch anfühlt.

Gerade bei traumatisch erlebten Erfahrungen kann es sehr logisch sein, dass Anteile entstehen, die dich durch schwierige Zeiten tragen. Das ist ein wichtiger Punkt in der Traumatherapie und auch in der Psychotherapie und Beratung insgesamt: Anteile wirken nicht zufällig. Sie tragen eine Funktion.

Innere Anteile und Trauma: Wenn Schutzstrategien geblieben sind

Trauma und innere Anteile hängen oft zusammen. Nicht im Sinne von „wenn du Anteile hast, bist du traumatisiert“. Sondern andersherum: Wenn das Nervensystem früh lernen musste, sich anzupassen, zu erstarren oder zu funktionieren, dann entwickelt sich häufig ein System der Innenwelt, das genau das absichert.

Ein Beispiel:

  • Das innere Kind fühlt Angst oder Ohnmacht.

  • Ein Beschützer geht in Kontrolle oder Rückzug.

  • Der innere Kritiker sorgt dafür, dass du nicht auffällst.

  • Der Perfektionist hält dich leistungsfähig.

  • Eine innere Stimme sagt „Gefühle bringen nichts“, weil damals niemand da war, der co-regulieren konnte.

Das sind keine Fehler. Es sind Überlebensstrategien. Später im Leben können sie herausfordernd werden, weil sie weiterlaufen, obwohl heute andere Möglichkeiten da wären.

Verschiedene Modelle: IFS, Ego States und die innere Familie

Vielleicht hast du schon verschiedene Begriffe gehört:

IFS (Internal Family Systems) nach Schwartz

Richard Schwartz beschreibt die innere Welt als eine Art innere Familie. Das Konzept der inneren Familie geht davon aus, dass wir verschiedene innere Anteile in uns tragen, die miteinander in Beziehung stehen. Das Ziel ist nicht, Anteile wegzumachen, sondern innere Anteile zu verstehen, sie zu entlasten und Anteile integriert werden zu lassen, Schritt für Schritt.

Ego States und Ego-State-Therapie

Ego states sind Persönlichkeitsanteile, die in bestimmten Situationen sehr aktiv werden. Die Ego-State-Therapie arbeitet mit diesen Zuständen, oft traumasensibel. Auch hier ist die Grundidee: Arbeit mit Persönlichkeitsanteilen bedeutet Würdigung und Kontakt, nicht Kampf.

Virginia Satir und das systemische Denken

Virginia Satir hat ebenfalls mit inneren Anteilen gearbeitet, eingebettet in eine systemische Sicht. Viele der heutigen Ansätze lassen sich gut mit systemischen Perspektiven verbinden, weil sie den Menschen nicht isoliert betrachten, sondern in Beziehungen und Entwicklungszusammenhängen.

Das klingt vielleicht theoretisch, ist im Kern aber sehr einfach: Du bist nicht widersprüchlich, weil du „komisch“ bist. Du bist widersprüchlich, weil verschiedene Anteile in verschiedenen Lebensphasen gelernt haben, wie man überlebt.

Häufige innere Anteile, die ich in der Praxis erlebe

Natürlich sind Anteile in verschiedenen Menschen unterschiedlich. Aber diese Stimmen begegnen mir sehr oft:

  • Innerer Kritiker: bewertet, korrigiert, macht Druck

  • Perfektionist: will alles richtig machen, um Sicherheit zu bekommen

  • Beschützer: sorgt für Kontrolle, Distanz oder Abwehr

  • Inneres Kind: trägt oft Gefühle wie Angst, Sehnsucht, Scham

  • Verletztes inneres Kind: reagiert besonders stark auf Ablehnung oder Nähe

  • Innere Mutter: kann nährend sein, manchmal aber auch streng oder überfordernd

  • Der Funktionierer: hält dich am Laufen, egal wie es dir geht

  • Der Rückzug: macht zu, um nicht zu viel zu fühlen

Wenn du dich in manchen Anteilen wiedererkennst, heißt das nicht, dass etwas mit dir nicht stimmt. Es heißt, dass dein inneres System versucht, zu regulieren.

Arbeit mit inneren Anteilen: Was verändert sich dadurch?

Arbeit mit inneren Anteilen heißt nicht, dass du ständig in dich hineinhorchen musst. Und es heißt auch nicht, dass du „immer dein inneres Kind heilen“ musst.

Im Kern geht es darum, Anteile zu verstehen und ihre Funktion zu erkennen. Wenn das gelingt, entsteht oft etwas, das viele lange nicht kannten: innerer Frieden.

Nicht, weil alle Stimmen verschwinden. Sondern weil die Stimmen nicht mehr gegeneinander kämpfen müssen. Weil dein inneres Team sich koordinieren kann.

Typische Veränderungen sind:

  • weniger Selbstabwertung

  • weniger Härte im Umgang mit dir selbst

  • mehr Klarheit, was du eigentlich brauchst

  • mehr Kontakt zu eigenen Bedürfnissen

  • mehr Fähigkeit zu regulieren, statt zu überreagieren

  • weniger Konflikte zwischen den Anteilen, weil sich die verschiedenen Anteile besser koordinieren können

Ein einfacher Einstieg: Dialog mit inneren Anteilen

Wenn du das für dich ausprobieren möchtest, ganz ohne Druck, kannst du mit drei Fragen beginnen. Das ist kein Ersatz für Therapie und Beratung, aber ein sanfter Start.

  1. Welche innere Stimme ist gerade am lautesten?
    Manchmal ist es der innere Kritiker. Manchmal der Antreiber. Manchmal ein Rückzug.

  2. Wovor will dieser Anteil dich schützen?
    Diese Frage verändert oft sofort die Haltung. Aus „Warum bin ich so?“ wird „Wofür war das einmal wichtig?“.

  3. Was wäre eine Ressource für diesen Anteil?
    Manchmal ist die Ressource Ruhe. Manchmal Klarheit. Manchmal ein kleines Stück Unterstützung. Manchmal Grenzen. Manchmal einfach nur gesehen werden.

Es geht nicht darum, „es richtig zu machen“. Es geht darum, Anteile verstehen zu lernen, anstatt sie wegzudrücken.

Wann du dir Unterstützung holen solltest

Manchmal sind innere Anteile sehr eng mit traumatischen Erfahrungen verbunden. Dann kann die Arbeit am inneren Team intensive Gefühle auslösen oder alte Muster verstärken. Wenn du merkst, dass dich das überfordert, ist es sinnvoll, das nicht allein zu machen.

Traumasensible Begleitung schafft einen sicheren Rahmen mit Anteilen zu arbeiten, in dem das Nervensystem Schritt für Schritt neue Erfahrungen machen kann. Genau dort wird Veränderung tragfähig. Nicht, weil du dich mehr anstrengst, sondern weil dein inneres System Sicherheit lernt.

Zum Schluss

Innere Anteile sind kein Zeichen von Schwäche. Sie sind ein Zeichen von Anpassung. Von Intelligenz. Von Überleben.

Wenn du beginnst, deine verschiedenen Anteile nicht mehr als Problem zu sehen, sondern als Schutz, entsteht etwas Neues. Mehr Wahl. Mehr Kontakt. Mehr Frieden in der inneren Welt.

Von Mensch zu Mensch.

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