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ADHS und soziale Phobie – Wenn man sich selbst nicht richtig fühlt

Die Verbindung zwischen ADHS, Angst und Depression

Lange dachte ich, dass meine Unsicherheit in sozialen Situationen einfach Teil meines Wesens ist. Ich hatte Angst vor Bewertung, davor, nicht gut genug zu sein. Mein Kopf war voller Gedanken – so viele gleichzeitig, dass es schwer war, sie zu ordnen und mich gut auszudrücken. Ich wusste nicht, dass mein ständiges Grübeln, meine Selbstzweifel und die Angst, mich zu blamieren, nicht einfach Charaktersache waren – sondern die Folge eines tiefer liegenden Musters. Besonders in beruflichen Situationen wurde diese Angst überwältigend: Vor Meetings hatte ich extreme Angst, mich zu äußern, und Präsentationen waren für mich der absolute Horror. Die Panik davor, bewertet oder kritisiert zu werden, war so stark, dass ich körperlich reagierte – mit Zittern, Schweißausbrüchen und Herzrasen. Ich suchte nach Ausreden, um nicht sprechen zu müssen, oder meldete mich manchmal sogar krank, nur um der Situation zu entkommen.

ADHS und soziale Phobie: Ein komplexer Zusammenhang

Schon in der Schule begann dieser Teufelskreis. Das Vorlesen im Unterricht war für mich eine Qual. Ich wusste, dass alle zuhören, dass jeder Fehler auffallen würde – und allein dieser Gedanke löste Panik in mir aus. Mein Herz schlug schneller, meine Hände wurden feucht, mein Kopf wurde leer. Während andere Kinder scheinbar mühelos lasen, kämpfte ich innerlich gegen das Gefühl, dass ich jeden Moment versagen könnte.

Jahre später verstand ich: ADHS und soziale Phobie hängen oft zusammen. Nicht, weil ADHS direkt soziale Angst verursacht, sondern weil die Erfahrung, immer ein bisschen „anders“ zu sein, sich tief ins Selbstbild eingräbt. Weil das Gefühl, nie ganz richtig zu sein, irgendwann zu Angst vor Ablehnung wird. Angststörungen, insbesondere soziale Angststörungen, treten häufig als Begleiterkrankung auf. Studien zeigen, dass ADHS-Betroffene oft mit Ängsten und Depressionen auf ADHS diagnostiziert werden.

Wie ADHS soziale Ängste verstärken kann

Menschen mit ADHS nehmen sich oft als „falsch“ oder „nicht passend“ wahr – nicht, weil sie es sind, sondern weil sie es gelernt haben. Wer als Kind häufiger getadelt wurde, weil er unaufmerksam war, weil er impulsiv geantwortet oder Dinge vergessen hat, übernimmt irgendwann die Überzeugung: „Ich bin nicht richtig, so wie ich bin.“

Mit der Zeit zeigt sich das in sozialen Situationen:

Ständiges Überanalysieren der eigenen Worte – weil die Angst mitschwingt, etwas Unangemessenes zu sagen.

Das Gefühl, nie wirklich dazuzugehören – weil man anders denkt, anders reagiert, anders fühlt.

Schwierigkeiten, Gesprächen zu folgen – weil zu viele Gedanken gleichzeitig im Kopf sind und es schwerfällt, die eigenen Worte zu sortieren.

Perfektionismus oder Vermeidungsverhalten – weil das Risiko, sich zu blamieren, als zu groß erscheint.

Extreme Angst in Meetings oder bei Präsentationen – weil der Gedanke an Bewertung oder Kritik Panikattacken auslösen kann.

Wenn ADHS auf frühe Unsicherheiten trifftDer Weg aus der sozialen Phobie: Sich selbst annehmen

Die Verbindung zwischen ADHS und sozialer Phobie entsteht oft nicht plötzlich, sondern wächst über Jahre. Wer als Kind oder Jugendlicher immer wieder das Gefühl hatte, sich mehr anstrengen zu müssen, um akzeptiert zu werden, entwickelt Strategien: Manche werden lauter, andere ziehen sich zurück. Manche versuchen, perfekt zu sein, andere vermeiden jede Situation, die Unsicherheit mit sich bringt. Studien aus der Psychiatrie zeigen, dass etwa ein Viertel der Menschen mit ADHS zusätzlich an einer sozialen Angststörung leidet.

Ich war lange in diesem Kreislauf gefangen. Bis ich verstanden habe: Ich bin nicht falsch. Mein Gehirn funktioniert einfach anders.

Der Weg aus der sozialen Phobie: Sich selbst annehmen

Der wichtigste Schritt für mich war, zu erkennen, dass meine Ängste und Unsicherheiten keine Schwäche sind, sondern Reaktionen auf frühere Erfahrungen. Dass meine Angst nicht bedeutet, dass ich unfähig bin. Dass meine Gedanken kein Beweis dafür sind, dass ich nicht dazugehöre.

Die Arbeit mit meiner eigenen Geschichte hat mir geholfen, neue Wege zu finden:

Verstehen, dass das Gefühl der Unzulänglichkeit nicht die Wahrheit ist – sondern eine Folge alter Erfahrungen.

Lernen, sich selbst mit mehr Nachsicht zu begegnen – und nicht nur dann, wenn alles perfekt läuft.

Sichere soziale Räume schaffen – in denen es sich leichter anfühlt, sich auszuprobieren.

Den eigenen Wert anerkennen – unabhängig von Leistung oder Anpassung

Erleben, dass man angenommen wird – auch, wenn man sich nicht perfekt ausdrückt.

Therapie für ADHS und soziale Angst

Viele Psychotherapeuten empfehlen Verhaltenstherapie oder Psychoedukation, um ADHS und soziale Phobie zu behandeln. Therapieoptionen wie kognitive Verhaltenstherapie helfen, das eigene Verhalten in sozialen Situationen zu verstehen und zu verändern. In manchen Fällen werden auch Stimulanzien wie Methylphenidat oder Elvanse verschrieben, um ADHS-Symptome zu lindern. Ein begleitendes ADHS-Coaching kann helfen, individuell passende Strategien zu entwickeln.

Zusätzlich können tiefenpsychologische Ansätze wie die innere Kind Arbeit dabei helfen, alte Wunden aus der Kindheit zu heilen. Körpertherapie kann unterstützend wirken, indem sie hilft, körperliche Anspannungen abzubauen, die durch Angst und Stress entstehen. Auch Traumatherapie ist eine wertvolle Methode, um belastende Erfahrungen aus der Vergangenheit zu verarbeiten und langfristig mehr innere Stabilität zu erlangen.

Gerne unterstütze ich dich auf deinem Weg

Wenn du das Gefühl hast, dass dich Ängste und soziale Unsicherheiten in deinem Leben stark einschränken, stehe ich dir gerne mit einem ADHS Coaching oder einer Traumatherapie zur Seite. Gemeinsam können wir individuelle Strategien entwickeln, um deine Ängste zu bewältigen und dein Selbstvertrauen nachhaltig zu stärken.

Fazit: Du bist nicht falsch, nur weil du anders bist

Ich habe lange geglaubt, dass ich mich nur genug anstrengen muss, um mich endlich gut genug zu fühlen.

Heute weiß ich: Ich muss mich nicht ändern – ich darf mich annehmen.

ADHS macht soziale Situationen nicht immer leicht, aber es bedeutet nicht, dass man sich verstecken muss. Der Schlüssel liegt nicht darin, perfekt zu sein – sondern darin, sich selbst so zu akzeptieren, wie man ist. Denn genau dort beginnt echte Freiheit.

Nathalie Grupp

Psychotherapie & Coaching nach dem Heilpraktikergesetz